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Creadienstag & 10 Gründe warum ich gerne Festkleidung nähe

Derzeit rauchen hier im Nähstübchen Nadeln und der Kopf.

Die Kinder werden größer. Doch es ist nicht unbedingt das Längenwachstum, das das Nähen von passenden Klamotten von mir fordern würde. Normale T-Shirts sind mittlerweile keine technische Herausforderung, die meinen Kopf zum Qualmen brächten. Eher ist es das Großwerden an sich, das ab und an einmal ein kleines Ereignis wie Schulanfänge oder auch die Erstkommunion an einem vorbeiziehen lässt.

Nur mag ich das eben nicht einfach vorbeiziehen lassen. Jedes Mal bekomme ich irgendwie die hirnrissige Idee: die Klamotten werden selbst geschneidert! Wieder steht eine Erstkommunion ins Haus, die dritte und vorletzte meiner Kinder-Juniors. Jungs tragen zu diesem Anlass bekanntlich Anzüge-so richtig mit Sakko, Hose und Hemd! Hose: okay-hatte ich schon-Hemd und Sakko never ever! Schwitz! Das Sakko habe ich bereits gemeistert-die Knöpfe fehlen noch:

Ottobre 6/2015, Sakko nähen

Jedes Mal fragt mich meine Umgebung, warum ich mir das um alles in der Welt antue? Für einen Tag? Sachen, die dann eigentlich ganz schnell zu klein werden?! Was treibt mich dazu?

Blogtechnisch ist mir mal nach etwas mehr Text (seid gewarnt), und so fasse ich das, was mir beim Nähnachdenken über diese Frage klar geworden ist, an dieser Stelle einfach zusammen. Denn komischerweise stelle ICH mir die Sinnfrage nicht. Hier nun meine PRO-Argumente:

Warum du auch einmal probieren solltest Festkleidung zu nähen:

1. Du bist MOTIVIERT. 

Motiviert heißt, man hat ein Motiv. Nichts ist anspornender als ein echtes, wahres Motiv, das einem das Leben vor die Nase setzt. Du musst nur zugreifen.

Der Schulanfang der Großen war meine absolute Nähinitialzündung, damals vor mittlerweile 8 Jahren. Nach neuen Gardinen nach dem Einzug ins neue Haus (Motiv hübschhabenwollen)und der wahnwitzigen Nachfertigung der kompletten Innenzelte unseres gebraucht gekauften Klappfixes kurz vor dem Urlaub (Motiv gemütlichhabenwollen), hatte ich Blut geleckt. Nähen rockte und der Schulanfang meiner Großen stand ins Haus.

In einem Ebay-Päckchen (damals kaufte ich noch Überraschungspakete mit Resten) fanden sich wunderbar zueinander passende Stöffchen in Naturfarben. Meine erste Burda, die mir in die Hand fiel, enthielt nun zuckersüße Schnitte einer französischen Designerin. Klassische Leinensachen, die mir suuuper gefielen. Bääääm-da war es da, das Motivensemble, das mir Flügel wachsen lässt-eins allein taugt wenig.

Mein geplanter Kommunionanzug fand sich übrigens in der letzten Winterottobre-diese Ausgaben sind meist eine echte Fundgrube in Sachen Festkleidungsschnitte für Kids:

2. Du kannst dabei LERNEN.

Festkleidung ist anders als Alltagskleidung. Es laufen dir dabei Nähtechniken über den Weg, die neu für dich sind, die du im normalen Nähalltag galant umschiffst. Wer lernt schon freiwillig, ohne echtes Motiv? So nach dem Schulabschluss, versteht sich. Wann wachsen Erwachsene? Ich finde, sie sollten.

Bei diesem ersten Schulanfangsprojekt war das ein reines Nähgewächshaus in dem ich schwitzenderweise ganz allein saß, denn so richtige Klamotten hatte ich noch nie gebastelt-Freestyle-Faschingskostüme einmal ausgenommen.

Ich habe all meinen Mut zusammengekratzt und ein für einen Anfänger total wahnwitziges Unterfangen gestartet. Aus Webstoff, mit Raffung, Puffärmelchen, Schrägstreifenversäuberung, Knopfleiste, Bindebandtunnel, Knopflöchern. Und das alles mit einer wirklich stinknormalen Nähmaschine – mit Burda(!)schnitt und -anleitung! Vielleicht war es ja eine Art Naturtalent, was in mir schlummerte? …hust…

Durchbeißen war die Devise und termingerecht war alles geschafft- der Anzug hat sogar noch einmal der zweiten Tochter gute Dienste geleistet. Das Leinenjäckchen fehlt auf dem Foto und den -aus heutiger Sicht- peinlichen Hut habe ich gleich mal samt Gesicht weggelassen:

3. Du hast einen TERMIN

Das, was dir die Alltagsnäherei nicht bietet, ist ein echter, dringender Termin. Der lässt sich nicht verschieben und  bei einsetzender Frustration kannst du das ganze Werk nicht im hohen Bogen auf den UFO-Haufen werfen.  Es wird dir nicht so leicht gelingen, denn a) hast du im schlechtesten Falle dein Ansinnen bereits unbedacht hinausposaunt -mach das besser nie- und b) hihi:

4. Du hast einen konkreten ABNEHMER,

der dich nun ja -kontrolliert- ist vielleicht zuviel gesagt. Gedankenkontrolliert. Da ist jemand, den du liebst, der kurzbeinig mit großen Augen voller Vertrauen und Bewunderung zu dir aufsieht und der sich auf sein Fest freut. Und den willst du keinesfalls enttäuschen! Klar würde dein Kind dein Scheitern auch verstehen, aber es ist dein ICH, deine motivierte, terminierte Ich-scheitere-auf-keinen-Fall-Stimmung, die dich zur Höchstleistung antreibt. Reite die Welle.

5. Der Prozess ist ein Vorher-Fest an sich.

Für mich jedenfalls. Denn beim Nähen bietet sich einfach ein Raum, in dem man mit sich, dem Projekt und seinen Gedanken eins ist. Bei mir ist bei Kniffligkeiten Ruhe geblasen-keine Musik, keine Ablenkung. Ich mag die Ruhe. Man kann die Gedanken schweifen lassen, vieles Erlebte Revue passieren lassen, sich freuen über sein Wachsen und Gedeihen des Kindes, für das man die Klamöttchen zusammennäht. Kann man das, wenn man gehetzterweise mit nölendem Kind nach wenig angebotener Festkleidung die Läden durchforstet? Wohl kaum. Dazu ist man nicht in Stimmung, denn was passt schon auf Anhieb?

6. Was du nähst, das passt.

Zumindest ist das so, wenn du dich vorher mit dem Maßband bewaffnet ausführlich deinem Kind widmest. Und nach meiner Erfahrung genießen sie diesen Vorgang. Da braucht keiner den Bauch einziehen-der Bauch ist nicht störend, sondern wichtig.

7. Du kannst danach einen echten Sieg feiern

Auch wenn ich nienieniee einen Marathon laufen würde, so fühlt sich ein Läufer an der Ziellinie gewiss so ähnlich wie deinereiner. Du hast den inneren Schweinehund besiegt, dein Nahttrenner duzt dich spätestens jetzt und du hast Dinge gemeistert, die du dir vorher nicht zugetraut hast.

Parallele Steppnähte mit brutalem Kontrastgarn zum Beispiel:

8. Dein Kind ist stolz wie Bolle auf die Klamotte

Selbst wenn dein Werk nicht zu 100% perfekt ist. Solche Sachen siehst nur du, sofern dein innerer Kontrollapparat in Absprache mit dem Nahttrenner ganze Arbeit geleistet hat. Wenn du dein Kind ordentlich mit einbezogen hast, es sogar noch selbst über Stoffe, Schnitt und Details entscheiden konnte, fühlt es sich sogar noch ein wenig als Mitarbeiter deiner Nähmanufaktur.

9. Du hast Geld gespart

Hust…das ist eigentlich der dusseligste Grund, der mir -mit entsprechender Erfahrung beladen- dazu einfällt. Aber es ist komischerweise, DAS schlagende Argument, das Nichtnähern als erstes voller Bewunderung über die Lippen schlüpft. Daher wappne dich schonmal für diesen Moment, ziehe dir vielleicht ein Video über die Queen rein. Übe das königlich huldvolle Lächeln und das elegant gnädige Kopfnicken und lenke den Fokus auf nur die Bewunderung deines Gegenübers. Vermeide in diesem Moment alle Aufrechnung deiner Mühen und deiner Zeit, denn das, was drin steckt, lässt sich ohnehin nicht in Minuten und Euronen aufrechnen. Lächle einfach.

10. Du hast ein Stück Liebe geschenkt

Deinem Kind, dir und der Welt. Ich -als unverbesserlicher Idealist- glaube an diese Investition. Sie lässt sich nicht kaufen.

Nähen ist Liebe. Nähen lohnt. Und es rockt!

In diesem Sinne einen wundervollen Creadienstag! Und ich schwinge mich mal an die nächste gefühlte Mission Impossible – das Hemd fehlt noch, mein erstes ever. Und eine Knopflochautomatik habe ich nicht. 😀 Drückt mir die Daumen!

Liebe Grüße von
Nicole

0 Kommentare
  1. Ani Lorak
    Ani Lorak says:

    Wie wahr. Teile fast alle Punkte außer Punkt 9: Billiger nicht, selbst die Materialien betreffend nicht – ohne Einrechnung der Arbeitszeit… Richtig, man sollte sich selbst fordern und hej nicht alle gekauften Nähte sind gerade und alles gut. Habe erstmalig ein Hemd für die Tochter genäht (Joey von Farbenmix) und werde dann auch mal an eines für den Mann gehen. Wachsen ist gut. Es macht viel Freude zu nähen!

    Antworten
  2. Nicibiene
    Nicibiene says:

    Genau, man wächst mit seinen Aufgaben. Aber tröste dich-für ALLE Feste habe ich auch nicht genäht. Manchmal klappt es eben nicht-und da stirbt auch keiner. 😉 Aber man sollte es versuchen zu nutzen, schließlich kommt jede Gelegenheit nur einmal. Liebe Grüße von Nicole

    Antworten
  3. Nicibiene
    Nicibiene says:

    Liebe Lisa, lieben Dank! Hui-Hochzeitskleid und Hemd-das klingt interessant! Leider habe ich zu dieser Zeit noch nicht genäht. Dann hätte ich das sicher auch probiert. Viel Erfolg wünsche ich dir! Liebe Grüße von Nicole

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  4. Nicibiene
    Nicibiene says:

    Danke, liebe Llewella! Ich arbeite mit allen Mitteln dran, dass mir das mit dem Kinder benähen noch ein wenig erhalten bleibt. Am Schönsten fände ich, ich könnte sie anstecken und einiges weitergeben. Denn es ist Nähen ist einfach ein duftes Hobby! 😉 Viel Erfolg beim Hawaiihemd! Liebe Grüße von Nicole

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  5. Llewella
    Llewella says:

    Moin,

    was für ein großartiger Artikel! Man spürt richtig, wie Dir das am Herzen liegt – und ich kann es so was von nachvollziehen. Mein erstes Hemd liegt auch vor mir, allerdings ein Freizeithawaiihemd, das im Vergleich zu einem Kommunionshemd Fehler verzeihen wird.

    Toll finde ich, dass sich offensichtlich auch Deine schon etwas größeren Kinder noch benähen lassen. Das erhoffe ich mir bei meinen auch!

    Liebe Grüße
    Llewella

    Antworten
  6. Panima
    Panima says:

    Liebe Nicole,
    Ein toller Text. Du hast so recht, die Herausforderungen sind nicht die mal schnell genähten Shirts (auch schön) es sind die kreativen Herausforderungen von tollen Sachen. Habe zwar nicht meinen Kindern bei den Kommunionen etwas genäht ( nicht getraut) jedoch mir, jedesmal ein schickes Kleid mit passenden Mantel/Jacke. Es ist halt was besonderes.
    Deine Hose ist genial gelungen, bin aufs gesamte Outfit schon gespannt.
    Wünsche euch eine tolle Kommunion
    Liebe Grüße
    Claudia

    Antworten
  7. Ines
    Ines says:

    Liebe Nicole,
    ja, ja, ja! Ich sitze gerade über dem letzten Stück für meinen Konfirmanden: die Krawatte. Hemd und Weste sind schon fertig, allein der Anzug ist gekauft (da noch vom größere Bruder passend…). Am besten war, wie der Bub den Fortschritt miterlebt hat, Stoffe mit ausgesucht hat und nun stolz seine Sachen anprobiert. Und daher: Du schaffst das Hemd (das aus der LaMaisonVictor oder der ottobre geht wunderbar!). Wenn der Sohn sagt: Mama, du kannst stolz auf dich sein – das war alle Mühe wert (und ich habe alles zweimal genäht, Perfektionismus eben).
    Liebe Grüße von Festmama zu Festmama
    Ines

    Antworten
  8. Silvi Zeibig
    Silvi Zeibig says:

    Liebe Nicole,

    ich könnte grad heulen, was ist nur mit mir los. Du hast einen wundervollen Text geschrieben und hast in allem Recht. Die Hose sieht schon mal mega aus. ( Ich hab dem Lüngsten schon zweimal ein Hemd genäht, einmal zur Jugendweihe seines Bruders und einmal zum Schuleingang, doch ich hab Kamsnap-Knöpfe genommen. Deshalb drück ich ganz feste die Daumen, bin sicher Su rockst das.
    LG Silvi

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  9. Astrid Ka
    Astrid Ka says:

    Schön geschrieben, liebe Nicole, und es macht einem mal wieder bewusst, was man da so treibt, ist doch sonst NUR EIN HOBBY…
    Lass es dir gut gehen!
    Herzlichst
    Astrid

    Antworten
  10. Pe-Twin-kel
    Pe-Twin-kel says:

    Liebe Nicole,
    ja wahnsinn, ich habe mir alles zu Gemüte gezogen und du hast absolut Recht, vorallem mit dem Lächeln. Der Grund mit dem dazulernen, hat mich persönlich am Meisten angesprochen.
    Danke für den Anstoß.
    Lieben Gruß,
    Petra

    Antworten
  11. lenchenmalzwei
    lenchenmalzwei says:

    Danke für die tolle Motivation. Ich wünsche Dir viel Erfolg für Dein erstes Hemd!
    Schön wenn man sein Hobby, seine liebe zu etwas so verwirklichen kann.
    Bei uns steht dieses Jahr die erste Einschulung an und sicherlich habe ich mir viel vorgenommen, viel zu viel wahrscheinlich, aber man wächst ja auch mit seinen Herausforderungen… LG Anja

    Antworten
  12. Anonym
    Anonym says:

    Liebe Nicibiene, ein hammermäßiger Beitrag! Und Recht hast Du! Weil nur so was macht uns von der Jersey-Shirts-Nähmutti zur Haute-Couture-Maßschneiderin (in Ausbildung). Du kannst echt stolz auf Dich sein!
    Liebe Grüße und allseits starke Nerven (und immer genug Faden auf der Unterfadenspule) wünscht Dir
    Andrea

    Antworten
  13. biohazard
    biohazard says:

    Liebe Nicole,

    ich nähe auch total gerne Festtagssachen.
    Nirgendwo hat man so viel ungeteilte Aufmerksamkeit für Selbstgenähtes wie an Festtagen – ob “normale Alltags-TShirts” selbstgenäht sind, sieht niemand, der nicht ohnehin weiß, dass man näht.
    Aber die bewundernden Blicke, wenn man bei Festtagsgarderobe verkündet man habe selbst genäht – einfach unbezahlbar. Zusätzlich zum Stolz, sowas Schwieriges gemeistert zu haben.

    Ich nähe grade für mich und meinen Mann für eine Hochzeit im Sommer ein Kleid für mich, und ein passendes Hemd für meinen Mann. Um noch deutlicher zu demonstrieren, welche Möglichkeiten sich durch das Nähen ergeben.

    Viele Grüße und einen wunderschönen Tag für dein Kommunionkind und Euch,
    Lisa (Mrs. Biohazard)

    Antworten
  14. Irmtraud Kesselring
    Irmtraud Kesselring says:

    Liebe Nicibiene,
    deine 10 Punkte leuchten ein. Und Selbstgenäht ist auch etwas ganz besonderes.
    Das trägt keine anderer. Ich finde es toll, dass du diese Arbeit auf dich nimmst.
    Einen stressfreien Tag wünscht dir
    Irmi

    Antworten

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